Leverage Points 2019 - International conference on sustainability research and transformation

Die Leverage Points 2019 - International conference on sustainability research and transformation hat in diesem Jahr vom 6. 8. Februar in Lüneburg an der Leuphana Universität stattgefunden. Im Rahmen einer Kooperation mit den Veranstaltern konnte 23grad seinen Mitgliedern die kostenfreie und ermäßigte Teilnahme ermöglichen.

Eine der Gewinnerinnen, Laura Grabach-Witte, die 2018 ihr Studium der Umweltwissenschaften abschloss, berichtet über Ihre Zeit auf der Konferenz:

Auf dem Weg zum Campus entdecke ich eine Konstruktion in den Baumwipfeln: Es sind tatsächlich Hambi-Solidarische, die im Kurpark seit dem 1. Februar einen Baum besetzen, um die Stadt zur Energiewende aufzufordern. Der Geist von Lüneburg hat mich wieder!
Die Konferenz begrüßt mich mit einer netten Atmosphäre im Forum des so verhassten Zentralgebäudes. Mit aufgestellten Birken, einem Programmheft auf unnötigem Hochglanzpapier und Kunststoff-Kulis namens Leuphana. Ich erinnere mich, dass wir und die Uni erst auf dem Weg sind und noch nicht am Ziel.
Überwiegend fühle ich mich aber umarmt. Eine Vielzahl bekannter Gesichter, veganes Essen, Gurkenschorle, Kinderbetreuung, Zeichnungen, die liebevoll Aspekte der Sessions einfangen. Ich bin daheim. Auch die Inhalte und Methoden der Sessions sorgen für mein Wohlbefinden, wenn zum Beispiel eine Wissenschaftlerin aus Kanada über Vernetzung zwischen Lebewesen (Intuitive Interspecies Communication) spricht und dass die sog. ontologische Fluidität eine Rückvernetzung mit der Natur fördert. Natürlich hat die Wissenschaftlerin im Sinne radikaler Partizipation eigens Meditation und Perspektivübernahme praktiziert. Ich verliere berührt eine Träne dafür, dass sich trotz des Neoliberalismus jemand mit diesem Thema wissenschaftlich auseinander setzen kann. Die Welt ist doch nicht die komplette Hölle.
Ich sehe so viel Herzblut. Auch spanische Feministinnen diskutieren mit ihrem Publikum die Konvergenz von Wissenschaft und Aktivismus. Wie sollten wir sonst besser zur Transformation beitragen!? In mehreren Sessions fällt der Satz: „Wir alle haben Angst“. Hier können wir lähmende Gefühle, persönliche Hürden und wissenschaftliche wie politische Schwierigkeiten besprechen und im Forumtheater aufarbeiten. An der Betroffenheit der Vortragenden spiegelt sich wider: Die nachhaltige Transformation ist nicht unser Forschungsobjekt, sondern unser Lebensprojekt.
Dürfen wir uns die nicht-neutrale Position erlauben? „JA!“ Schreien wir. Nachhaltigkeit ist ein normatives Konzept! Ja, wir dürfen parteiisch sein. Zur Sicherung unserer Lebensgrundlage müssen wir aus emotionalen, logischen und mittlerweile zur Genüge bewiesenen Gründen auch das disziplinäre Wissenschaftssystem transformieren! Übrigens, für wirklich gute Transdisziplinarität benötigen wir mehr als die gängigen 2-3 Jahre eines Forschungsprojekts, damit sich wertvolle Prozesse entwickeln können und wir nicht nur zur Ergebnisproduktion reduziert sind! Eigentlich ganz viele klare Positionen. Wieso wurde durch das Graphic Recording kein gemeinsamer Forderungen-Katalog oder ein Transformations-Handbuch aufgezeichnet? Dadurch könnten wir aus unserer Blase heraus mit einem Masterplan auf Forschungskonditionen, nationale Nachhaltigkeitspläne, aktuelle Politik und die Transformationsrealität einwirken. Ich finde, unsere Daten und Analysen zur globalen Nahrungsproduktion und ihren Transportströmen sollten wir ebenso nach außen tragen wie unsere daraus erarbeitete Forderung, lokale Nahrungsnetze wieder aufzubauen. Einen Funken politischen Druck könnte ein Treffen von hunderten Wissenschaftler*innen schließlich aufbauen.
Es schmerzen die finanzielle Förderung der fragwürdigen Volkswagen Stiftung, die vielen eingeflogenen Gäste, die fehlenden Praktiker*innen - die „Erforschten“ - mit denen wichtige Strukturen aufgebaut werden sollen. Letztendlich bleibt die Leverage Points 2019 eine wissenschaftliche Konferenz. Auf einem transformativen Weg. So wie alle von uns. Wir sind eine quasi religiöse Community auf einem halb-konventionellen, halb-progressiven Treffen, welches mir mein Zuhause und Motivation wiedergezeigt hat. Ich kann eine Teilnahme nur weiterempfehlen!