23grad pflanzt Hain auf der Höhe

Lüneburg, 22. Oktober 2022:
Lange hatte der ältere Herr aus dem Fenster im Erdgeschoss geguckt und beobachtet, was die 40 Menschen auf dem Grundstück an der Ecke Ringstraße/Auf der Höhe so machten. Dann rief er hinaus: „Hallo? Wenn Sie noch eine Schaufel brauchen, Sie können gern meine nehmen. Ich habe sie unter mein Fenster gestellt.“ Bald war die rote Schaufel des Anwohners im Einsatz in dem eingezäunten Areal, auf dem bis vor Kurzem nur schlichter Rasen gewachsen war.
Jetzt entsteht hier auf 140 Quadratmetern ein kleiner Urwald aus 43 heimischen Pflanzenarten: 718 Bäume, Sträucher und Stauden bringt die Gruppe in die vorbereitete Erde. Ein Lebensraum, ein Biotop. Für Schmetterlinge und Vögel ein Paradies. Initiiert und umgesetzt hat das der Verein „23grad“, ein Zusammenschluss von Absolvent:innen und Studierenden der Nachhaltigkeitswissenschaften der Leuphana Universität Lüneburg.
„Hain auf der Höhe“ haben sie das Areal angelehnt an den Straßennamen getauft. Im vergangenen Jahr hatte Maria Karnagel in der Jahreshauptversammlung den Vorschlag gemacht, einen Tiny Forest (übersetzt etwa Kleinwald oder Mikrowald) mitten in Lüneburg zu errichten. Sie hatte auf einer Fortbildung von dem Prinzip erfahren. „Es ist ein Wald auf einer kleinen Fläche, die dicht bepflanzt ist. Ziel der Tiny Forests ist es, in städtischen Räumen mit wenig Platz vielfältige, schnell wachsende und sich selbst erhaltende Lebensräume anzulegen“, erläutert Karnagel. Ziel sei es auch, eine Verbesserung der Umwelt vor Ort – also des Stadtklimas – zu erreichen: bessere Luft, Schatten und Temperaturausgleich.
„In zwei Jahren sind die Bäume zwei Meter hoch“, sagt Karina Hellmann. Die Klimaschutzmanagerin der Stadt Lüneburg gehört zu der vierköpfigen Projektgruppe und hat bei 23grad die Pflanzaktion mit vorbereitet. Bis die Pflanzen so hochgewachsen sind, ist aktuell noch einiges zu erledigen. Es dauert, bis mehr als 700 Pflanzen in der Erde sind. Um die Arten gut gemischt und gleichmäßig auf dem Gelände zu verteilen, haben die Aktiven von 23grad auf den vorbereiteten Boden mit Kreidefarbe Quadrate markiert. Auf einem Plan ist eingezeichnet, wo in den 140 Quadraten z.B. eine Eiche wachsen soll, wo ein Weissdorn und wo ein Pfaffenhütchen. Die Helfer:innen bekommen die verschiedenen Pflanzen, die in das jeweilige Quadrat kommen sollen an der Ausgabe in die Hand gedrückt und machen sich mit Schaufel und Harke an die Arbeit. „Dat is ja so watt wie Schach für Große, ne?“, sagt Hans-Jürgen. Der Gärtner in Rente unterstützt die Aktion mit rheinländischem Humor und Expertise.
Wenige Wochen vor der Pflanzaktion haben 30 freiwillige Helfer:innen aus der umliegenden Nachbarschaft und dem Verein den Boden vorbereitet. Zunächst wurde der Rasen abgetragen und Steine entfernt. Die Aktiven brachten Pflanzenkohle, Gesteinsmehl, Lehm, Terra Preta, Bodenpilze und Kompost ein, schützten das Ganze mit Holzhackschnitzeln vor Verdunstung. Wenige Tage später wurde die Anlage mit einem Zaun geschützt und ein Informationsschild aufgestellt.
12.000 Euro kostet der Hain auf der Höhe. Darin stecken viel ehrenamtliche Arbeit und Mitgliedsbeiträge von 23grad. „Das Projektteam hat unter Einbindung des Netzwerks die Anlage geplant und umgesetzt“, erläutert Karnagel. Beratend zur Seite stand ihnen die Tiny Forest Gilde. Die Bingo Umweltstiftung hat das Projekt mit 3000 Euro gefördert. Die LüWoBau stellte das Grundstück sowie die Geräte zur Verfügung und unterstütze bei zahlreichen praktischen Fragen.
Erfunden hat die Tiny Forests der japanische Wissenschaftler, Ökologe und Gärtner Akira Miyawaki in den 1970er Jahren. Seither hat sich das Konzept nicht nur in Japan, sondern auch in Indien, Belgien und den Niederlanden etabliert. In Deutschland gibt es bislang nur wenige Tiny Forests.
„Zur Anlage gehört auch ein kleiner Teich“, sagt Maria Karnagel. Den schützt von unten keine Plastikfolie, sondern eine Lehmschicht. Die Anlage ist auf den Prinzipien der Natur aufgebaut. Im Teich können Vögel ihren Durst stillen, außerdem dient er manchen Insekten als Lebensraum. Dazu dienen auch die aufgeschichteten Steine nebendran. Sobald der Wald wächst, wird Totholz anfallen, auch dies ist Lebensraum für bestimmte Tierarten. Maria Karnagel ergänzt: „Normalerweise entwickelt sich eine Waldgesellschaft entwickelt in etwa 200 Jahren. Beim Tiny Forest ist eine Stabilität schon nach 25-30 Jahren da.“ Wichtig ist ihr, dass Tiny Forests nicht nach ihrem wirtschaftlichen Wert bemessen werden, wie Holzertrag oder ähnliches, sondern nach ihrem ökologischen und sozialen Wert. Ein Anfang ist gemacht. Und der nette Herr aus dem Erdgeschoss hat am Ende natürlich seine Schaufel zurück erhalten. Ganz im Sinne einer guten Nachbarschaft.

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