Alles nur Show – Der erste Atombunker in Hamburg. Ein Interpretationsversuch im Hier und Jetzt

Unweit der Haltestelle Berliner Tor, trafen sich die Interessierten in einer schwach beleuchteten Ecke des dortigen Parks, vor einer unscheinbaren Gittertür, um von dort über etliche Stufen des grell beleuchteten Treppenabganges durch die Bunker Schleusentür zu treten.

Wir gingen mit 9 Personen hindurch, im Ernstfall sollten es 450 Menschen sein, nach dem Prinzip, wer zuerst kommt... Einem zuständiger Bunkerleiter oblag die Organisation des Einlasses. Eine amtliche Zählung, von der Dauer einer Stunde, ergab für den Umkreis des Bunkers, dass ungefähr 10.000 Menschen diesen strahlengesicherten Ort aufsuchen könnten.

Das Gebäude war schon als Bunker im 2. Weltkrieg in Gebrauch. Die Entwicklung des Kalten Krieges führte dazu, dass in der Bundesrepublik alle noch erhaltenden Bunker auf ihre Atom Tauglichkeit geprüft, und somit mit Umbauarbeiten bei diesem Bauwerk begonnen wurde. Nur die wenigsten der alten Bunker kamen jedoch als Atombunker in Frage.

14 Tage lang war für die Menschen hier am Berliner Tor mit dem wirklich Notwendigsten gesorgt, denn man vermutete, dass dann die sofort tödliche Strahlung vorbei wäre. Den Bunker für diesen Zeitraum tatsächlich komplett auszustatten, hätte einige Monate gedauert.

Notwendig war Nahrung: Suppe und Fleisch in Dosen, löslicher Kaffee und löslicher Tee, dazu nur Löffel, keine Messer und keine Gabel. Man tat alles, um in der Bunkerzeit Selbsttötungen zu vermeiden. Selbst die Toiletten hatten nur Vorhänge, abschließbare Türen gab es nicht, um keinerlei Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen. Wichtig waren Ruhezeiten im Schichtsystem: 1/3 konnte liegen und schlafen, 2/3 sitzen. Betten und Bänke waren nur verkeilt an der Decke. Man berechnete, dass bei Einschlag einer Bombe in der Nähe, sich der Bunker um einige Meter im Erdreich zur Seite bewegt. Dabei ist es besser, die Bänke kippen um und man kann sie wieder aufrichten, als dass sie zerbrechen.

Energie für Licht und Lüftung sollte mit einem Dieselmotor erzeugt werden. Der robuste Motor wäre pausenlos im Einsatz mit entsprechendem Lärmpegel. Ohne Strom müsste die Lüftung mit 3 Handkurbeln bewerkstelligt werden, die man als sportlicher Mensch ca. 15 Minuten lang betätigen kann. Eine Organisationsherausforderung, denn sonst macht sich schnell CO2 breit, welches bei den 450 Menschen zu einem seichten, jedoch unendlichen Schlummer geführt hätte. Die Luft kam natürlich von draußen, so dass die Luft durch zimmer große Sandbehälter angesaugt worden wäre, welche den atomaren Staub und eine mögliche Außentemperatur von über 1000 Grad Celsius vom Inneren fernhalten. Wasser zum Trinken kam aus ganz tiefen Schichten, sollte jedoch in der Vorbereitungszeit in Tanks eingelagert werden.

Unnötig wäre es den Bunker zu heizen, denn innerhalb nur weniger Tage würde die Innentemperatur durch die Körperwärme der 450 Menschen auf 30 Grad Celsius klettern, bei extrem hoher Luftfeuchtigkeit.

Die Organisation sollte ein 5er Team übernehmen, wobei der Bunkerleiter behördlich bestimmt gewesen wäre. Zwei Techniker, eine Krankenschwester und eine Betreuerin wären frei unter den anwesenden bestimmt worden, nach evtl. vorhandenen Berufsgruppen.

Die Ausstattung des Bunkerleiters war bemerkenswert pragmatisch und ebenfalls auf das Nötigste reduziert. Das wichtigste, der Klappspaten, der sichtbar am Gürtel zu tragen war. Er diente tatsächlich dazu Mensch ruhig zu stellen, war aber dennoch keine Waffe im Sinne der Genfer Konvention, so dass der Bunker ein unbewaffnetes Bauwerk blieb, welches nicht laut offiziellen „Kriegsregeln“ angegriffen werden durfte. Auch daran hatten die Planer gedacht. Zudem ist das Vorhandensein einer Schusswaffe unter den Bunkerbedingungen für alle dort noch Lebenden ein viel zu hohes Risiko (Selbsttötungsversuche, Menschen geraten in Streit, Waffe wird dem Leiter gestohlen, Querschläger...). Für den Leiter waren eine Atemschutzmaske und Messgeräte für Strahlung und Giftgas vorgesehen, um vor dem Verlassen des Bunkers nach 14 Tagen, die Atemluft draußen zu prüfen.

Und dann?

Diese Frage, so unbedeutend die beiden Wörter auch sein mögen, wird zur wichtigsten Frage überhaupt, jedoch nie zu beantworten sein. Was würden die 450 Menschen erblicken, wenn sich 1000 Grad Celsius wieder abgekühlt haben und sich der atomare Staub auf alles nieder gesenkt hat?

Es wird gemunkelt, dass „der Westen“ an eine Übernahme Europas mit konventionellen Waffen durch „den Osten“ offiziell glaubte, da vor allem in Ostdeutschland diese Waffen „zu Hauf“ stationiert waren. Daher sollte im Kriegsfall an der ganzen Innerdeutschen Grenze ein riesengroßes Kampffeld durch den Westen eröffnet werden, um den Einmarsch der östlichen Truppen erst einmal aufzuhalten. Alle wichtigen Versorgungseinheiten waren in diesem Raum stationiert. Und dann?

Die Strategie des „Ostens“ kann aber auch eine ganz andere gewesen sein: Einfach Europa in Schutt und Asche legen, um den Kapitalismus auf den amerikanischen Kontinent für immer zu isolieren. Alle wichtigen Militäreinrichtungen wären dann auch mit Atomwaffen vernichtet worden. Im Raum Hamburg und Schleswig-Holstein wären dies schon über 60 Ziele. Wobei eine Waffe, abgeschossen z.B. im Ural nur 7 Minuten bis Hamburg benötigt. Westeuropa in das kommunistische System einzugliedern war nie geplant. Und dann?

Unterschiedlicher können die Ansichten nicht sein. Nur alle waren sich im Klaren darüber, dass wenn ein Atomkrieg in Europa geführt wird, es der letzte Krieg ist, der auf europäischem Boden stattfinden wird, da alles Leben für sehr viele Jahre ausgelöscht sein wird.

Was hat so ein Bunker „noch“ damit zu tun? Nichts!

Was sollten Volksvertreter und Behörden in einem Rüstungswettlauf machen, bei dem die Kriegsparteien nicht das Überleben der Bevölkerung berücksichtigen? Nichts tun, ist politisch unvertretbar. Man brauchte Bunker, um jedenfalls irgendwas zu machen. Um sie mit TV-Teams besuchen zu lassen. Die Presse sollte von den Überlebenszellen berichten. Es gab zuständige Behörden, man arbeitete am Schutz der Bevölkerung und sorgte auch für die Aufrechterhaltung der Moral der Militärangehörigen. „Stellt euch vor es ist Krieg und keiner geht hin.“ zitierte „unser Bunkerleiter“, der uns fachkundig durch das Kriegsbauwerk begleitete und uns mit authentischen Berichten behutsam durch die eben erst vergangene Historie führte. Wirklich, dieser Krieg hätte keinen Ausweg gehabt, auch nicht nach 14 Tagen aus einem Atombunker heraus. Da zieht niemand in den Krieg, sondern verbringt die verbleibenden Minuten bei seiner Familie oder für sich allein.

2009, vor etwa fünf Jahren erst, wurde der Bunker aus seiner Funktion genommen, da man durch die politisch veränderte Lage eine kriegerische Eskalation in den nächsten zehn Jahren nicht vermutet. Erstmal aufatmen oder Luft anhalten? Das Kräftemessen geht weiter, über das Anfüttern von Kriegen in Drittländern, Wirtschaftsbarrieren und das zu Fallbringen politischer Verträge. Die einen wollen europäisieren, die anderen amerikanisieren und wieder andere den kommunistischen Bann erweitern....“Mein Block, mein Block“...von Ausweg keine Spur.

 

Mit bleibenden Eindrücken und wichtigen Gedanken machten sich nach dem Bunkerbesuch Maike, Uta, Maria, Mareike, Kerstin, Oda, Sven, Johannes und Ingo auf den Weg zum gemeinsamen Ausklang des Abends in der Hamburger Kneipenszene. Wir alle freuen uns auf das nächste Treffen der Nordlichter von 23grad.